Michael Engwicht Finance

Arbeitskraftabsicherung

Die Leistungsdynamik — eine Rechnung, die selten aufgeht

Kaum ein Baustein klingt so einleuchtend wie dieser: Die Rente soll weitersteigen, auch während sie gezahlt wird. Der Gedanke ist richtig. Der Preis ist das Problem. Diese Seite rechnet den Fall einmal vollständig durch — mit Zahlen, die du nachrechnen kannst.

Worum es überhaupt geht

Zwei Dinge werden oft verwechselt, weil sie ähnlich heißen.

Die Beitragsdynamik wirkt, solange du gesund bist und einzahlst: Beitrag und Rente wachsen jedes Jahr ein Stück, damit die Absicherung nicht hinter deinem Einkommen zurückbleibt. Über diese Seite reden wir hier nicht — sie ist unstrittig sinnvoll.

Die Leistungsdynamik wirkt erst danach: Sie lässt die Rente weitersteigen, während sie gezahlt wird. Wer mit 2.000 Euro in den Leistungsbezug geht und ein Prozent Leistungsdynamik vereinbart hat, bekommt im zweiten Jahr 2.020 Euro, im dritten 2.040 Euro und so weiter.

Der Gedanke dahinter ist völlig richtig: Eine Rente, die zwanzig Jahre lang gleich hoch bleibt, verliert an Kaufkraft. Die Frage ist nicht, ob das Problem existiert. Die Frage ist, ob dieser Baustein das beste Mittel dagegen ist.

Die Sorge, um die es eigentlich geht

Der Fall, den fast jeder im Kopf hat, wenn er über die Leistungsdynamik nachdenkt, sieht so aus:

Ich werde mit 30 berufsunfähig, kann nie wieder etwas Gleichwertiges arbeiten, und bekomme bis 67 dieselbe Rente wie am ersten Tag. Nach 37 Jahren ist davon real kaum noch die Hälfte übrig.

Diese Sorge ist berechtigt. In genau diesem Fall wäre die Leistungsdynamik goldrichtig — dazu unten mehr. Aber sie beschreibt eben nicht den Regelfall, und ein Baustein, der pauschal für alle empfohlen wird, muss sich am Regelfall messen lassen.

Drei Zahlen aus der Praxis

Sechs bis acht Jahre So lange dauert ein BU-Leistungsfall im Durchschnitt — je nach Erhebungsjahr der Studie.
Knapp 60 Prozent So viele Leistungsfälle enden nicht durch Genesung, sondern weil der Vertrag ausläuft.
Fast alle Anbieter zahlen im Leistungsbezug zusätzlich eine Steigerung aus der Überschussbeteiligung — nicht garantiert, in schwankender Höhe, aber sie existiert. Eine bekannte Ausnahme ist die Canada Life: Dort ist die vereinbarte Leistungsdynamik alles, was du bekommst.

Quelle für die ersten beiden Zahlen: die BU-Leistungspraxisstudie von Morgen & Morgen, die jährlich auswertet, warum Leistungsfälle entstehen und wie sie enden.

Die ersten beiden Zahlen zusammen ergeben ein Bild, das viele überrascht: Berufsunfähigkeit trifft die meisten Menschen spät im Arbeitsleben, nicht früh. Wenn der Durchschnitt bei sechs bis acht Jahren liegt und gleichzeitig 60 Prozent der Fälle bis zum Vertragsende laufen, dann beginnen die meisten dieser Fälle eben nicht mit 30, sondern jenseits der 50.

Und die dritte Zahl ist der Grund, warum ein Verzicht auf die vereinbarte Leistungsdynamik selten bedeutet, dass die Rente eingefroren wird. Sie steigt in aller Regel trotzdem — nur ohne Garantie. Bei welchen Tarifen das nicht gilt, ist ein Kalkulationsmerkmal und gehört zu den Dingen, die ich vor einem Abschluss ohnehin prüfe.

Der Preis

Als Größenordnung aus der Beratungspraxis: Ein Prozent Leistungsdynamik kostet rund zehn Prozent Mehrbeitrag.

Dieser Preis ist die eigentliche Nachricht. Denn dasselbe Geld kann etwas anderes kaufen — und zwar sofort.

Die Rechnung

Zwei Verträge, gleicher Beitrag von 110 Euro:

Vertrag 1 Vertrag 2
BU-Rente zu Beginn 2.000 € 2.200 €
Leistungsdynamik 1 % pro Jahr keine

Vertrag 1 steigt, Vertrag 2 startet höher. Wer gewinnt — und wann?

Jahr Rente aus Vertrag 1 ausgezahlt aus Vertrag 1 ausgezahlt aus Vertrag 2 Vorsprung Vertrag 2
1 2.000 € 24.000 € 26.400 € + 2.400 €
5 2.081 € 122.424 € 132.000 € + 9.576 €
8 2.144 € 198.856 € 211.200 € + 12.344 €
10 2.187 € 251.093 € 264.000 € + 12.907 €
15 2.299 € 386.325 € 396.000 € + 9.675 €
20 2.416 € 528.456 € 528.000 € − 456 €
25 2.539 € 677.837 € 660.000 € − 17.837 €

Zwei Zeitpunkte stehen darin:

Nach 9,6 Jahren ist die monatliche Rente aus Vertrag 1 erstmals so hoch wie die aus Vertrag 2. Vorher war sie zehn Jahre lang niedriger.

Nach 19,8 Jahren hat Vertrag 1 auch in der Summe aufgeholt. Erst ab da liegt er vorn.

Der Grund für die zweite Zahl ist der Vorsprung, den Vertrag 2 in den ersten zehn Jahren aufgebaut hat: rund 12.900 Euro, die bereits ausgezahlt und angekommen sind. Diesen Rückstand muss Vertrag 1 erst wieder einholen — mit ein paar Euro Unterschied im Monat.

In dieser Rechnung ist der Zinseszins ausgeklammert. Er würde Vertrag 2 zusätzlich begünstigen, weil dessen Mehrbetrag früher fließt und damit früher arbeiten kann.

Die Faustformel

Man kann sich den zweiten Zeitpunkt merken, ohne zu rechnen:

Die Summenschwelle liegt ungefähr doppelt so weit weg wie die Rentenschwelle.

Das gilt bemerkenswert stabil. Ob ein Prozent Dynamik für zehn Prozent Mehrbeitrag, zwei für zwanzig oder drei für dreißig — der Faktor liegt immer zwischen 2,0 und 2,2. Man muss also nur ausrechnen, wann die Renten gleichziehen, und das Ergebnis verdoppeln.

Und dieser Zahl stellt man dann die durchschnittliche Leistungsdauer von sechs bis acht Jahren gegenüber.

Die Umkehrung: ab welchem Preis würde es sich tragen?

Die spannendere Frage ist nicht, wie lange es dauert — sondern was die Dynamik kosten dürfte, damit sie sich innerhalb einer üblichen Leistungsdauer trägt:

Wenn die Rente so lange fließt … … dürfte ein Prozent Dynamik höchstens kosten
6 Jahre 2,5 % Mehrbeitrag
8 Jahre 3,6 % Mehrbeitrag
10 Jahre 4,6 % Mehrbeitrag
20 Jahre 10,1 % Mehrbeitrag
37 Jahre 20,3 % Mehrbeitrag

Damit ist die Sache eigentlich erzählt. Bei einer durchschnittlichen Leistungsdauer von acht Jahren wäre die Dynamik ihr Geld wert, wenn sie rund vier Prozent kostete. Sie kostet aber etwa zehn. Zu diesem Preis rechnet sie sich erst bei einer Leistungsdauer von rund zwanzig Jahren — also in dem seltenen Fall, den kaum jemand trifft.

Nicht der Baustein ist das Problem. Sein Preis ist es.

Die Inflationsfalle

Jetzt kommt der Punkt, an dem sich die Sache endgültig dreht.

Ein Prozent Dynamik ist gegen zwei bis vier Prozent Inflation schlicht zu wenig. Nach zwanzig Jahren stehen bei einem Prozent Dynamik und drei Prozent Inflation real noch 1.378 Euro dort, wo einmal 2.000 standen. Der naheliegende Gedanke lautet deshalb: Dann nehme ich eben mehr Dynamik.

Genau das verschärft das Problem, statt es zu lösen. Denn der Preis wächst mit:

Dynamik Mehrbeitrag dafür stattdessen sofort Summenschwelle
1 % 10 % 2.200 € 19,8 Jahre
2 % 20 % 2.400 € 18,8 Jahre
3 % 30 % 2.600 € 18,0 Jahre
4 % 40 % 2.800 € 17,2 Jahre

Lies die letzte Spalte. Du kaufst die vierfache Dynamik — und die Schwelle rückt von nicht einmal zwanzig auf siebzehn Jahre. Sie bewegt sich kaum, weil mit jedem Prozent Dynamik auch der Betrag wächst, auf den du sofort verzichtest. Aus dem Problem lässt sich nicht herauskaufen.

Und in Kaufkraft gerechnet sieht es so aus. Angenommen, die Inflation liegt bei drei Prozent — dann hält eine Drei-Prozent-Dynamik die Kaufkraft exakt. Der Idealfall also. Dagegen steht Weg A: dieselben dreißig Prozent Mehrbeitrag direkt in mehr Rente gesteckt.

Jahr 2.000 € mit perfekter 3-%-Dynamik 2.600 € ohne Dynamik
1 2.000 € 2.600 €
8 2.000 € 2.114 €
10 2.000 € 1.993 €
20 2.000 € 1.483 €

Kaufkraft in heutigem Geld, 3 % Inflation.

Selbst gegen eine perfekt bemessene Dynamik liegt Weg A die ersten zehn Jahre vorn — also über die gesamte durchschnittliche Leistungsdauer hinweg, und das ist nur die Monatsrente. In der Summe holt die Dynamik erst nach achtzehn Jahren auf.

Damit ist die Inflation kein Argument für die Leistungsdynamik. Sie ist das stärkste Argument gegen sie — und das deutlichste für den einzigen Hebel, der wirklich trägt: die Rente von vornherein hoch genug ansetzen.

Zur Redlichkeit: Dass drei Prozent Dynamik genau dreißig Prozent Mehrbeitrag kosten, ist aus der Größenordnung „zehn Prozent je Prozent" hochgerechnet. In der Praxis liegt der Aufschlag bei höheren Stufen eher darüber als darunter — was den Befund verstärkt, nicht abschwächt.

Wofür das Geld sonst reicht

Weg A: mehr Rente, sofort

Das ist die Rechnung von oben. Der Vorteil liegt nicht nur in der Summe, sondern im Zeitpunkt: Das Geld ist da, wenn der Einschnitt passiert. Genau dann sind die Kosten am höchsten — Umbauten, Therapien, ein Auto mit Handbedienung, oft ein Umzug. Eine Rente, die erst in zehn Jahren größer wird, hilft in dem Moment nicht, in dem es am meisten drückt.

Weg B: ein späteres Endalter

Wenn die Rente nicht weiter steigen kann — dazu gleich mehr —, dann ist das Endalter der bessere Hebel. Der Grund steht oben: Knapp 60 Prozent der Leistungsfälle enden, weil der Vertrag ausläuft. Das ist keine Randerscheinung, sondern der häufigste Ausgang überhaupt.

Wer von 65 auf 67 verlängert, kauft Schutz genau an der Stelle, an der er statistisch am häufigsten abreißt. Ein Vertrag, der mit 60 endet, während die Altersrente mit 67 beginnt, lässt sieben Jahre offen — und das sind ausgerechnet die Jahre mit dem höchsten Risiko.

Wann die Leistungsdynamik doch die richtige Wahl ist

Es gibt diese Fälle, und sie gehören genannt:

  • Wenn die Rente nicht weiter erhöht werden kann. Versicherer begrenzen die BU-Rente auf einen Anteil deines Einkommens. Ist diese Grenze erreicht, ist Weg A versperrt — dann ist die Leistungsdynamik der einzige Weg zu mehr Leistung. Das ist der stärkste Grund für sie.
  • Wenn die Gesundheitsprüfung keinen zweiten Vertrag mehr zulässt. Dann gilt dasselbe: Was du heute nicht vereinbarst, bekommst du später nicht mehr.
  • Bei einem sehr jungen Vertrag mit langer Laufzeit und einem Beruf mit hohem Risiko für dauerhafte, nicht heilbare Einschränkungen. Hier kann die erwartete Leistungsdauer tatsächlich über zwanzig Jahren liegen.
  • Wenn dein Tarif im Leistungsbezug keine Überschussbeteiligung vorsieht — bei der Canada Life etwa ist das so. Dann ist die vereinbarte Dynamik alles, was du bekommst, und der Verzicht wiegt deutlich schwerer als anderswo. Es ist ein Merkmal der Kalkulation, das man kennen muss, bevor man unterschreibt: Hier ist die Leistungsdynamik keine Zusatzoption neben einer ohnehin steigenden Rente, sondern die einzige Steigerung, die es überhaupt gibt.

Wenn einer dieser Punkte auf dich zutrifft, kippt die Rechnung — und dann empfehle ich die Dynamik auch.

Was das für dich heißt

Die Leistungsdynamik ist kein Fehler und kein Verkaufstrick. Sie ist ein Baustein mit einem klar bezifferbaren Preis, der sich erst nach rund zwanzig Jahren Leistungsbezug trägt. Trifft dieser Fall auf dich zu, ist sie richtig. Trifft er nicht zu, kauft dasselbe Geld etwas, das dir früher hilft.

Was zu tun ist, wenn du unsicher bist: Nicht die Dynamik zuerst prüfen, sondern die Höhe und das Endalter. Wenn beide passen und dann noch Luft im Beitrag ist, kann man über die Dynamik reden. Umgekehrt wird ein Vertrag daraus, der schön aussieht und im Ernstfall zu wenig zahlt.

Ich rechne dir das für deinen konkreten Fall durch — mit deinem Beitrag, deinem Endalter und deiner Einkommensgrenze. Das dauert keine halbe Stunde und ist ehrlicher als jede Faustregel, meine eingeschlossen.

Noch Fragen offen?

Wenn du nach dem Lesen unsicher bist, was für deine Situation gilt: Genau dafür ist ein Erstgespräch da. 30 Minuten, kostenlos und unverbindlich.

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